Zusammenfassung
Es mehren sich die Anzeichen, dass das Hirntumorrisiko bei Menschen ansteigt, bei denen die Dauer der Nutzung eines Mobiltelefons zehn Jahre erreicht oder überschritten hat. Die Beobachtung steht mit der Erkenntnis im Einklang, dass dies in der Regel der Latenzzeit entspricht, die mindestens vergangen sein muss, bevor ein maligner Prozess manifest wird. Ebenso wie es sich um einen zufälligen Befund handeln kann, könnte es auch ein früher, noch unsicherer Hinweis dafür sein, dass die Mobilfunkstrahlung die Entstehung von Hirntumoren begünstigt. Die Zuverlässigkeit einer Risikoabschätzung auf der Grundlage epidemiologischer Daten ist insbesondere im niedrigen Risikobereich davon abhängig, ob sie mit biologischen Vorstellungen plausibel gemacht werden kann. Neuere Forschungsergebnisse aus In-vitro-Untersuchungen zeigen, dass die Mobilfunkstrahlung sowohl über ein gentoxisches als auch über ein die Genfunktion modulierendes Potential verfügt. Die Erkenntnislage, die sich aus den vorliegenden Forschungsergebnissen zur Mobilfunkstrahlung insgesamt ergibt, spricht trotz offensichtlicher Unzulänglichkeiten dafür, dass das Vorsorgeprinzip zum Schutz der Bevölkerung von den Entscheidungsträgern in Industrie und Politik angewandt werden sollte.
Summary
There is evidence that the risk of brain tumours increases in humans using a mobile phone for ten years and more. This observation is in line with the fact that a latency period of at least 10 years must be allowed for until a malignant process becomes manifest. This observation might be due to chance, but it could also be a first and still uncertain hint that mobile phone radiation promotes the development of brain tumours. The credibility of a risk assessment based on epidemiological data depends especially in the low risk range on the degree that it can be made plausible on theoretical grounds. Recent research results from in vitro investigations clearly show, that mobile phone radiation has a genotoxic potential as well as a potential to modulate gene function. From the state of knowledge derived from epidemiology and basic research it is concluded, that decision makers in politics and industry have every reason to apply the precautionary principle for health protection of the public.
Key words: Mobile phone radiation, epidemiology, animal experiments, in vitro-research, genotoxic effects, signal transduction
umwelt medizin gesellschaft 21(2): 112-120
Autoren: Prof. Dr. med. Michael Kundi, Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien; Prof. Dr. med. Hugo W. Rüdiger, em. Ordinarius für Arbeitsmedizin an der Medizinischen Universität Wien; Korrespondenz: Prof. Dr. med. Franz Adlkofer, VERUM Stiftung für Verhalten und Umwelt, Theresienstraße 6-8, 80333 München, adlkofer@verum-foundation.de